Schreibwerkstatt
Dez
Willenlose - Schoko mit Whisky und Sahne
Schöne Aussicht; - Dein Name erinnert mich an die schönen Stunden in Landungsbrücken; an das blaue Wasser des Hamburger Hafens, dessen Wellen an die hell glänzende Kaimauer schlugen. Damals war ein herrlicher Sommertag, und die Augustsonne scheinte so prachtvoll über die Veranda des Hafenlokals herab. --- Heute ist in Tübingen die Trübheit des November eingekehrt, und vor
der "Schönen Aussicht" drehen sich die
späten Nebel durch die Einsamkeit einer
dunklen Montagsnacht. Doch in der Finsternis schimmert ein fahles Licht. In der Wilhelmstraße leuchten noch einige Fenster; hoffnungsfroh öffne ich die Tür, und erklimme die Treppe.
In der "Schönen Aussicht" erscheint eine freundliche Kellnerin, und die Melancholie eines traurigen Herbstabends weicht dem Zustand einer Aufheiterung. Die Schwermütigkeit ist verschwunden. In einem Gefühl von Glück bestelle ich die Willenlose; - heiße Schokolade mit Whisky und Sahne.
Thomas Zürn
späten Nebel durch die Einsamkeit einer
dunklen Montagsnacht. Doch in der Finsternis schimmert ein fahles Licht.
Dez
campari sour
(„…daß du mir das Messer bist,
mit dem ich in mir wühle.“)
als hättest du
schwarze spinnweben
zwischen den wimpern
als hättest du
alle farben der welt
auf der iris
das kalte
regenbogenschuppenschillern
als antwort auf
jeden sonnenstrahl
die warmen
seidenspinnerfadenworte
als frage an
meine haut
meine sätze
aber zerbrichst du
in mikroskopische splitter
jagst mir
kaum gewobene kinder
ins eigene fleisch zurück
scherben
mit blick und zungenschlag
in schwarzes gift getaucht
wohin soll ich also noch gehen
da dein schillern mich riss
und verbrannte
da dein lidschlag mich traf
und verwarf
da der grausame schlund
deines schweigens das
lied meiner lippen
trank
Dez
schwarzer balsam
(für F.K.)
lid an lid mit
dir du großer schwimmer
im lebens-bewusstsein
dein grauen vor nähe
zerrt an mir ein
lungenschlag zittert
gebändigt nun schluckt
der spiegel dein bild
und entlässt meinen
eigenen waidwunden blick
Dez
Cappuccino
Sie saß an dem kleinen Tisch am Fenster des Cafés mit Blick auf die Straße. Es war vier Uhr nachmittags, ein Freitagnachmittag. Sie kam jeden Freitag um kurz vor vier in dieses Café. Und als wäre der Tisch eigens für sie reserviert, war er fast immer frei. Ganz selten musste sie sich einen anderen Platz suchen. Und auch heute war ihr Platz wieder frei. Sie setzte sich an den Tisch und bestellte einen Cappuccino und ein Glas stilles Wasser.
Sie bestellte immer einen Cappuccino und ein Glas stilles Wasser. Das wusste er. Er hatte sie schon seit einiger Zeit beobachtet. Auch er war so gut wie jeden Freitag in diesem Café. Er kam immer etwas früher als sie, so um halb vier. Dann war die Arbeitswoche vorbei und er traf sich hier mit zwei Freunden. Sie tranken Kaffee, manchmal auch schon ein Bier, und schmiedeten Pläne für das Wochenende, sofern es noch keine gab.
Seitdem sie ihm zum ersten Mal aufgefallen war, hatte er sich immer den Platz am Tisch gesucht, von dem aus er sie besonders gut sehen konnte.
Nachdem sie ihre Bestellung aufgegeben hatte, holte sie einen Notizblock aus ihrer Tasche und einen Kuli. Meistens schaute sie dann eine Weile gedankenverloren auf die Straße, auf der sich der beginnende Feierabendverkehr am Café vorbei schlängelte. Dann begann sie zu schreiben. Manchmal fing sie auch direkt an zu schreiben. Er fragte sich, was sie da schrieb. War es beruflich oder privat? Ein Tagebuch vielleicht? Oder ein Brief? Vielleicht studierte sie auch und machte sich Notizen von der letzten Vorlesung? Oder musste sie für ihre Arbeit irgendwelche wichtigen Dinge notieren? Aber dafür hatte man doch heute Computer. Also doch etwas Privates. Oder vielleicht war sie Lehrerin oder Kindergärtnerin und schrieb lustige Geschichten für die Kinder? Dieser Gedanke gefiel ihm.
Meistens blieb sie eine Stunde. Dann zahlte sie ihren Cappuccino und das Glas stilles Wasser, packte ihren Block und den Kuli wieder in die Tasche und ging. Es war aber auch schon vorgekommen, dass sie nur kurz geblieben war oder aber auch länger als er und seine zwei Freunde. Sie hatten noch nie miteinander gesprochen.
Und ihm war es mitten ins Herz gedrungen.
Allein der Gedanke an diesen Blickkontakt brachte sein Herz dazu, kräftiger zu schlagen. Und wie jeden Freitag hoffte er, dass sie noch einmal zu ihm sah, dass sich ihre Blicke noch einmal zufällig begegnen würden.
„Mensch, Simon, jetzt geh schon hin und quatsch die Tante endlich an“, riss sein Freund Martin ihn aus seinen Gedanken.
Simon sah seinen Kumpel mit zusammengekniffen Augen an. „Was?“
„Alter, das kann man ja nicht mehr mit ansehen, wie du die Tussi jede Woche anschmachtest. Entweder du gehst da jetzt rüber oder ich erledige das“, provozierte dieser ihn erneut.
Simon musste sich zwingen, ruhig zu bleiben. Das wäre das Schlimmste, was passieren könnte, wenn sein Kumpel diese Frau ansprach. Wie peinlich, wie dumm würde er dastehen. Er spürte, wie seine Ohren heiß wurden. Sicherlich waren sie krebsrot. Zum Glück sah man das nicht sofort unter seinen langen dunklen Locken. Er wollte sich nichts anmerken lassen, versuchte, den Coolen zu spielen, wusste aber, dass seine Freunde ihn bereits durchschaut hatten. Dafür kannten sie sich zu lange.
„Das regle ich schon ganz allein, klar?“ Er bemühte sich, locker zu sprechen, als ginge es um irgendeine Frau. Er hatte schon viele Frauen angesprochen. Seine beiden Gegenüber stießen sich gegenseitig die Ellenbogen in die Rippen und feixten.
„Na dann mal los, du Held. Ich wette um die heutige Rechnung hier, dass die dich abfahren lässt. Die steht nicht auf Typen wie uns.“
„Da brauch ich gar nicht wetten.“
Er warf seinen Freunden einen lässigen Blick zu, stand dazu betont lässig auf. Was wussten die schon? Er war für sie geboren und sie für ihn. Da gab es keine Klassenunterschiede. In welchem Jahrhundert lebten die denn? Und die Tätowierung auf seinem Arm, die war gut. Das war nicht irgendein Scheiß. Das war Kunst.
Er würde jetzt zu ihr gehen und mit ihr Kaffee trinken. Sie würden sich wunderbar unterhalten. Er wäre amüsant und sie würde ihm ihr Lachen schenken und ihn fragen, ob er am Wochenende schon etwas vor hatte. Hatte er zwar, aber das konnte er absagen oder er nahm sie einfach mit. Aber nein, er würde seinen Kumpels absagen, er wollte lieber mit ihr allein sein. Nur wenige Meter trennten ihn von seinem Glück.
Er hoffte, dass seine Schritte sicher wirkten, als er geradewegs auf ihren Tisch zuging. Die Hände wurden feucht. Mist, er konnte ihr doch nicht seine feuchte Hand geben. Verstohlen rieb er die Handfläche seiner rechten Hand an seiner Jeans. Wenn das seine Freunde jetzt sahen, würde hinter ihm gleich lautes Gelächter ertönen. Er spürte, dass sie ihn beobachteten. Ihre Blicke bohrten sich in seinen Rücken wie dünne Laserstrahlen.
Was, wenn ihm die Stimme versagte? Leise räusperte er sich. Was sollte er überhaupt sagen? Sein Herzschlag hatte sich inzwischen bereits verdoppelt und würde wahrscheinlich innerhalb der nächsten Sekunden zu neuen Rekord-Herzschlagraten ansetzen. Cool bleiben, dass ist nur eine Frau, die Cappuccino trinkt, versuchte er, sich zu beruhigen. Ein bisschen Small-Talk, alles kein Problem.
Sie schien noch gar nicht bemerkt zu haben, dass er direkt auf sie zukam, schrieb mit flinker Hand irgendwelche Worte in ihren Notizblock. Erst als er direkt vor ihrem Tisch stehen blieb sah sie erstaunt auf.
„Hi.“ Das musste für den Anfang reichen, er schickte diesem Laut noch ein – wie er hoffte – nettes Lächeln mit auf den Weg. Eine Haarsträhne fiel ihm ins Gesicht. Er hätte sie fast mit der Hand hinters Ohr geschoben, als ihm gerade noch rechtzeitig einfiel, dass sie dann seine roten Ohren sehen würden. Besser, die Haarsträhne blieb in seinem Gesicht.
„Hi“, erwiderte sie, sah ihn immer noch erstaunt und fragend an.
„Ich hab mich gefragt, ob ich dich zu einem Cappuccino einladen darf?“ War das ein guter Anfang? Hatte seine Stimme gezittert? Waren da womöglich Schweißperlen auf seiner Stirn? Verdammt, warum war er nur so aufgeregt?
Sie sah ihn kurz an, klappte ihren Notizblock zu. Dann endlich auch Anzeichen eines Lächelns auf ihrem Gesicht.
„Das ist sehr nett, danke.“
Ihre Stimme ging ihm unter die Haut. Leise, sanft, nicht zu rau - das hätte nicht zu ihrem Gesicht gepasst – und auch nicht zu hell, nicht quietschig. Genau richtig, wie alles an ihr, wie er jetzt feststellte, als er ihr so nah war. So nah, wie noch nie zuvor in seinem Leben. Er bräuchte nur die Hand auszustrecken, um sie zu berühren. Was war er für ein Trottel. Er hätte sich vorstellen und ihr die Hand geben sollen. Eine erste, liebevolle Berührung. Zu spät.
Sie winkte der Bedienung zu und er setzte sich zu ihr an den Tisch. Er hatte sie nicht gefragt, ob er sich zu ihr setzen durfte, aber schließlich würden sie ja jetzt zusammen einen Cappuccino trinken. Sollte er auch Cappuccino trinken? Oder lieber einen Kaffee? Ein Bier wäre gut, aber das machte sicherlich keinen guten Eindruck. Er schob sich die Haarsträhne aus dem Gesicht - aber nicht hinters Ohr - hoffte, dass er keine Schweißränder unter den Achseln seines T-Shirts hatte. Aber das hatte er morgens frisch angezogen. Er sah sie an und überlegte, ob er sich jetzt vorstellen sollte. Was sollte er sagen? Ich heiße übrigens Simon. Oder: Ich bin Simon, und du?
Während er nach den richtigen Worten suchte, kam die Bedienung an ihren Tisch und noch bevor er etwas sagen konnte, ergriff die Frau das Wort.
„Der nette Mann möchte meinen Cappuccino bezahlen.“ Sie sah ihn an. „Das Wasser gehört wahrscheinlich nicht zur Einladung?“
Ihr Blick war ernst und seiner voller Irritation. Hatte sich da gerade ein dunkler Abgrund unter seinem Stuhl aufgetan? Das wäre gar nicht schlecht gewesen, dann hätte er da jetzt verschwinden können. Er konnte nichts sagen, starrte sie nur fassungslos an. Hatte er sie richtig verstanden? Sie bezog seine Einladung auf den Cappuccino, den sie bereits getrunken hatte? Wie abgebrüht konnte eine Frau sein? Ein ganzes Repertoire an Gefühlen wollte sich auf einmal Platz in ihm machen. Verwirrung, Wut, Beschämung … Heiterkeit.
Nachdem sie keine Antwort von ihm erhielt, wandte sie sich wieder an die Bedienung: „Also nur der Cappuccino. Das Wasser zahle ich.“
„Quatsch, ich zahl beides“, hörte er sich sagen. Und innerlich fragte er sich, ob er nun total übergeschnappt sei. In seinen Ohren rauschte das Blut. Irgendwie schien sich die Welt gerade ziemlich schnell zu drehen und gleichzeitig still zu stehen. Was passierte hier überhaupt? Vor seinem inneren Auge sah er seine beiden Kumpel lachend am Boden liegen. Was für eine Pleite.
„Vier siebzig“, teilte ihm die Kellnerin bereits zum zweiten Mal mit.
Er gab fünf Euro, Rest war Trinkgeld. Die Bedienung ging wieder und die Frau packte ihren Notizblock und den Kuli in die Tasche und stand auf. Warum fragte er sie jetzt nicht, was sie sich eigentlich einbildete, so eine Nummer abzuziehen?
„Danke für die Einladung.“
Blitzte es da schelmisch in ihren dunklen Augen? Er saß da und ließ sich von ihren Augen in einen Sog ziehen, fühlte, wie er ganz und gar darin verschwand. Er hob schwach die Hand: „Schon okay, ich ...“
Sie ließ ihn nicht ausreden, beugte sich ein Stück weit zu ihm, legte ihren Zeigefinger sanft auf seine Lippen und er spürte zweihundertzwanzig Volt durch seinen Körper fließen. Würde sie ihn jetzt küssen? Oh ja, einen Kuss hatte er sich verdient. Schließlich hatte er ihren Cappuccino bezahlt. In seinem Kopf entspann sich in Sekundenschnelle ein erotischer Film. Er mit ihr in der Hauptrolle.
Sie nahm den Finger wieder weg, zwinkerte ihm zu. „Wir seh’n uns.“
Und ging.
Er sah ihr nach und versuchte wieder zu sich zu kommen. Was da innerhalb der letzten zwei Minuten in seinem Körper vorgegangen war konnte nicht gesund sein. Er wartete, dass sein Puls sich wieder beruhigte. Langsam begann er wieder zu atmen. Sein Blick fiel auf die leere Cappuccino-Tasse. Ich weiß nicht einmal ihren Namen, ging es ihm durch den Kopf.
Dann ging er zu seinen Freunden zurück, die sich sicherlich schon darauf freuten, dass er sie heute aushalten musste. „Wir seh’n uns“, klangen ihre Worte in seinen Ohren nach. Er richtete sich auf, straffte die Schultern, leichter, federnder Gang, das Lächeln eines Siegers auf den Lippen. Die Lippen, die sie berührt hatte. Lässig setzte er sich auf seinen Stuhl, lehnte sich zurück, einen Arm locker über die Stuhllehne hängend. Er blies sich die Haarsträhne, die sich wieder frech vor seine Augen gewagt hatte, aus dem Gesicht und sah seine beiden Kumpel triumphierend an. „Ich hab ein Date mit ihr. Ihr zahlt.“
Nov
Sein lassen
Bildung einfach mal Bildung sein lassen,
Arbeit einfach mal Arbeit sein lassen,
Sandkastenspiele einfach mal Sandkastenspiele sein lassen,
Liebe einfach mal Liebe sein lassen,
Schmerz einfach mal Schmerz sein lassen,
Wetter einfach mal Wetter sein lassen.
In den Schwaden eines nachtschwarzen Kaffees.
Cafés waren zu allen Zeiten wichtige Orte des Aus- tauschs von Erlebnissen, Ideen und Gedanken. Vor allem in Universitätsstädten. An diese Tradition knüpfen wir mit dem Schöne Aussichten an und laden alle Freunde und Besucher unseres Cafes ein, ihre Ideen und Gedanken in der Schreibwerk- statt auf unserer Internetseite mit anderen zu teilen.
Willkommen sind Gedichte, Kurzgeschichten - aber auch kurze Ausschnitte aus Texten und Gedichten - rund um das Thema "Schöne Aussichten" bzw. "Kaffee".
Für gelungene Beiträge gibt es kleine Preise in Form von Gutscheinen. Die besten Beiträge werden darüber hinaus im Schöne Aussichten präsentiert. Die nächste Präsentation findet voraussichtlich im Rahmen der Kulturnacht 2010 statt.
Hinweis: Anders als auf unseren Flyern angekündigt, findet am 25.01. keine Lesung statt. Statt dessen werden wir einige Beiträge der Schreibwerkstatt im Rahmen der Kulturnacht 2010 präsentieren. Weitere Informationen hierzu finden Sie zeitnah hier auf unserer Homepage.
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